Die Vielfalt des Honiggeschmacks ist durchaus mit der des Weins vergleichbar – sie ist nur weniger kulturell inszeniert und systematisiert. Im Handel findet man bis zu 200 Honigsorten weltweit.
Sorte und Trachtpflanze
Wie beim Wein spielt auch beim Honig die „Sorte“ eine zentrale Rolle. Während beim Wein die Rebsorte prägt, ist es beim Honig die Trachtpflanze: Akazie, Linde, Raps, Kirsche, Buchweizen, Kastanie, Tanne, Heide und viele andere. Diese botanische Herkunft bestimmt Aroma, Süßegrad, Bitterkeit, Säure und sogar die Textur. Ein Kastanienhonig kann so herb und komplex wirken wie ein kräftiger Rotwein, ein Akazienhonig dagegen leicht und zurückhaltend wie ein junger Weißwein.
Das "Terroir" des Honigs
Auch die Herkunft ist entscheidend. Klima, Bodenbeschaffenheit und regionale Flora beeinflussen den Nektar ähnlich wie das Terroir beim Wein die Trauben. Ein Lindenhonig aus einer kühlen Höhenlage schmeckt anders als einer aus einer warmen Flusslandschaft. Selbst der Jahrgang spielt eine Rolle: Wetterbedingungen wie Trockenheit oder Regen verändern die Nektarzusammensetzung, sodass derselbe Imker mit denselben Bienen von Jahr zu Jahr unterschiedlich schmeckenden Honig erntet.
Verarbeitung und Reife
Hinzu kommen Unterschiede in der Verarbeitung. Beim Wein steuern Ausbau, Gärung und Lagerung den Charakter; beim Honig wirken Faktoren wie Erntezeitpunkt, schonende Verarbeitung, Kristallisation und Lagerung. Honig wird zwar nicht „ausgebaut“ wie Wein, doch auch hier kann Sorgfalt oder Nachlässigkeit die Aromatik beeinflussen.
Eine unterschätzte Genusskultur
Trotz dieser Vielfalt ist die Honigkultur weniger ausgeprägt. Es gibt zwar Honigverkostungen, Prämierungen und sogar sensorische Schulungen für Imker, doch sie sind nicht so verbreitet wie Weinproben oder Sommeliers. Dabei ließe sich Honig ebenso differenziert beschreiben: mit Noten von Karamell, Menthol, Trockenfrüchten, Harz, Blüten oder Malz, mit unterschiedlicher Persistenz am Gaumen und variierender Textur.
Kurz gesagt: Die geschmackliche Vielfalt von Honig steht der des Weins kaum nach – sie wird nur seltener als eigenständige Genusskultur wahrgenommen.